Spätzle
Geburtsort und datum der schwäbischen Leibspeise, wie wir sie heute kennen, werden sich wohl
nie genau fixieren lassen. Denn die Kochbücher des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit
waren für den Adel und für reiche Bürger geschrieben und ein alltägliches Arme-Leute-Essen,
dessen Zubereitung Allgemeingut war, hatte darin keinen Platz.
Die mitteleuropäische „Ur-Teigware“, aus der sich alle weiteren Varianten entwickelt haben, war ein einfacher Knödel aus Mehl, Eiern und wenig Salz. Der Begriff „Knödel“ geht auf das lateinische „nodus“ und das mittelhochdeutsche „chnodo“ zurück, was nichts anderes als „Knoten“ bedeutet. In diese Sprachfamilie gehören neben den Knödeln auch die italienischen „Gnocci“, die österreichischen „Nockerln“ und sogar die „Nudeln“. Nun kommen wir zur ersten schwäbischen Eigenheit: die Schwaben nennen nämlich den „Knoten“ einen „Knopf“ und dementsprechend hieß bei ihnen auch der „Knödel“, früher schon „Knöpfle“, „Knepflen“. So kann man im 17. Jahrhundert bei Grimmelshausen in seinem „Simplicius Simplicissimus“ nachlesen: „Diese Knöpfle alte Abbildungen zeigen, dass sie etwa so groß wie Hühnereier waren wurden vermutlich mit Löffeln geformt ins kochende Wasser gelegt.
Eine besondere Rolle spielen die Knöpfle auch in der von Ludwig Aurbacher 1832 nacherzählten Geschichte von den „Abenteuern der Sieben Schwaben“. Darin wird geschildert, wie sich sieben „Helden“ zusammenfinden, um am Bodensee ein „riesiges Ungeheuer“ zu erledigen. Den Knöpfleschwaben finden die Kameraden im Ries: „…In dem gesegneten Schwabenland, besonders in jener Gegend, wovon so eben Meldung geschehen (Ries), besteht die löbliche Gewohnheit, dass man täglichs Tags fünf Mal ißt, und zwar fünf Mal Suppe, und zwei Mal dazu Knöpfle oder Spätzle, daher die Leute dort in der Umgebung auch Suppen- oder Knöpfleschwaben genannt werden; und man sagt, dass sie zwei Mägen hätten aber kein Herz…“ Der Knöpfleschwab sagte zu ihnen, „Fechten sei zwar seine Leidenschaft nicht, aber wenn sie einen bräuchten, um ihnen Knöpfle zu kochen, so gehe er mit los auf das Abenteuer…“
Im Jahre 1725 tauchte in der „Beschreibung des Göppinger Sauerbrunnens“ neben dem Begriff „Knöpflein“ auch die Bezeichnung „Spazen“ auf. Unklar bleibt allerdings, wodurch sich diese „Spazen“ von den „Knöpflein“ unterscheiden. Es könnte sich sowohl auf Größe und Form als auch auf Inhalt oder Herstellung beziehen. Jedenfalls noch 1788 beschreiben sie die „Hohenloher Idiotismen“ als „in Wasser oder Milch aufgekochte kleine Klöße“. Bis in die heutige Zeit gibt es die so genannten „Löffelspatzen“, die in Größe und Gestalt immer noch den „Ur-Knöpfle“ ähneln. Dies lässt vermuten, dass mit dem Begriff „Spa(t)zen“ lediglich eine neue, griffigere Bezeichnung gefunden wurde. Immerhin erinnern die „Löffelspatzen“ mit ihrer länglich abgerundeten Form an einen Vogelkörper: den Spatz.
„Spätzle“ in der Verkleinerungsform haben wir erstmals in einem Kochbuch von 1783 gefunden, und vermutlich bezeichnen sie die verfeinerte Variante, denn im selben Kochbuch werden auch „Knöpfle“ und „Spatzen“ erwähnt. Und hier scheint nun auch die Erklärung für den Namen „Spätzle“ zu liegen: Sie sind ganz einfach die verkleinerte Form der Spatzen.
Andere sprachlichen Herleitungen suchen den Ursprung der Namensgebung im italienischen „spezzare“, was so viel heißt wie „brechen, in Stücke schneiden“, oder sehen die Verwandtschaft zur „pasta“ oder zum französischen „paté“, was beides Mal „Teig“ bedeutet. Dafür ibt es jedoch außer der vordergründig sprachlichen Ähnlichkeit keine weiteren Indizien. Aber, typisch für die schwäbische Liberalität, wurden und werden in Schwaben die Begriffe keineswegs einheitlich verwendet. Da werden schon mal die länglichen Gebilde „Knöpfle“ genannt oder die kugelige Form heißt „Spätzle“ oder „Spatzen“, mancherorts wird mit den unterschiedlichsten Benennungen dasselbe bezeichnet.