Weitzmann Lexikon

Maultaschen


Maultaschen

Seit die schwäbischen Teigtaschen – die „Maultascha“ – immer mehr ins Licht der Weltöffentlichkeit rücken, stellt sich natürlich auch immer häufiger die Frage nach ihrer Herkunft und dem Ursprung ihres Namens.

Der Name „Maultasche“ taucht vermutlich im 17. Jahrhundert erstmals in Kochbüchern auf, als Bezeichnung
für gefüllte Teigtaschen, die auch „Gefüllte Nudeln“, „Schlickkrapfen“ oder „Krapfen aus Mundmehl“
(aus feinem Weißmehl) genannt wurden.

Thaddäus Troll, der profunde Kenner des Schwäbischen, meint, eigentlich müssten die Maultaschen „Maultaschen heißen, weil sie ihre Fleischseele unter einem Nudelhemd verbergen“.

Im Norden der Bundesrepublik schien man bisweilen Probleme mit der doch recht derb klingenden
Bezeichnung zu haben, hier sollen auf Speisekarten schon „Mundtaschen“ gesichtet worden sein.
Und auch beim Besuch der englischen Königin in Stuttgart wurden die Maultaschen kurzfristig –
dem vornehmen Anlass entsprechend – auf der Menükarte zu „Mundtaschen“ erklärt.

Viel Krativität bei der Suche nach einer adäquaten Übersetzung für die schwäbische Spezialität hat
man im angelsächsischen Raum bewiesen: „swabian pockets“, „stuffed pastry squares“, „german ravioli“,
„king size ravioli“ oder auch „filled pasta pillows“ sind die Namen, die man für die Teigtaschen gefunden hat.

Eine der zahlreichen Herkunftslegenden, die sich um die Maultasche ranken, reicht bis tief in das
14. Jahrhundert zurück. Demzufolge soll die Nemensgeberin dieser schwäbischen Spezialität die 1318
als die Tochter König Heinrichs von Böhmen geborene Gräfin Margarethe sein, die auch wegen ihres vielsagenden Beinamens „Maultasch“ bekannt geworden sein.

Die Gräfin, die Zeitgenossen als besonders schön beschreiben, sorgte zu ihrer Zeit für einige Skandale.
So heiratete sie Ludwig von Brandenburg, obwohl ihre erste Ehe mit Prinz Johann Heinrich von Böhmen
noch nicht geschieden war. Und es gab Gerüchte, denen zufolge sie sich ihres zweiten Mannes und auch
ihres Sohnes durch Gift entledigt haben soll. Ob das Gift wohl in einer Maultasche versteckt war?

Diese Gerüchte hat die Geschichtsschreibung mittlerweile widerlegt. Die Bedeutung des der Gräfin von Tirol bereits zu ihren Lebzeiten zugedachten Beinamens „Maultasch“ ist allerdings bis heute nicht restlos geklärt. Einige interpretieren ihn – als Anspielung auf die zahlreichen Liebesaffären der Gräfin – im Sinne von „lasterhaftem Weib“, andere sehen darin einen Hinweis auf Schloss Maultasch bei Terlan.

Tatsache jedoch ist, dass man seit dem 18. Jahrhundert das Bildnis einer besonders hässlichen alten Frau,
das auf eine Skizze von Leonardo da Vinci zurückgeht, mit der Tiroler Landesfürstin in Verbindung
gebracht hat. Hervorstechendes Kennzeichen dieser Frau: ein verunstalteter Mund mit übergroßer herabhängender Unterlippe – eine „Maultasche“ eben.

Die mittelalterliche Klosteranlage Maulbronn, Weltkulturerbe der UNESCO, deren Klosterschule so berühmte Geistesgrößen wie Johannes Kepler, Hölderlin und Hesse durchlaufen haben, soll auch der Ursprungsort der Maultasche sein. Ob ein Zusammenhang zwischen Genie und Maultasche besteht? – wer weiß!
Jedenfalls hat sich die Mär von den Mönchen in den letzten Jahren als die populärste aller
Maultaschen-Evolutionsgeschichten herauskristallisiert.

Im 17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges, kamen die Zisterziensermönche des Klosters Maulbronn durch einen glücklichen Zufall in den Besitz eines großen Stückes Fleisch unglücklicherweise jedoch zur Fastenzeit. Die Ratlosigkeit war groß, der Hunger auch. Im Klostergarten waren reichlich
Kräuter und Spinat zu finden, und das brachte die Klosterbrüder auf eine Idee. Sie zerkleinerten das
Fleisch und vermischten es reichlich mit Grünzeug, in der Hoffnung, dass die marmorierte Masse nicht
mehr als Fleisch zu identifizieren sei. Mit dem Resultat noch nicht ganz zufrieden und in dem Wissen,
dass der Allmächtige alles sieht, wurde das Ganze in einem Teigmäntelchen versteckt. Eine neue
Fastenspeise war geboren: die Maulbronner Teigtasche, später Maultasche und – sinnigerweise –
auch „Herrgottsbscheißerle“ genannt.

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